Ich überstand ICE 786

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Vier Stunden im ICE sind für Vielfahrer und Fernreisende keine Ausnahme. Vier Stunden von Hamburg-Harburg bis Hamburg-Hauptbahnhof stellen jedoch eine Ausnahmesituation dar. Eine Strecke, die normalerweise etwas mehr als 10 Minuten erfordert, wurde heute Nacht für Reisende im ICE von München zur Falle. Auch für mich.

Die Vorzeichen standen nicht gut für meinen Kollegen Thomas und mich. Lediglich von Hannover wollten wir nach Hamburg zurück. Die meisten Züge waren bereits als verspätet angekündigt. Bahn-App und Bahn-Website waren sich bloß über das Ausmaß nicht einig. Die Mitarbeiterin am Info-Schalter lieferte eine dritte Variante des Umfangs der Verspätungen. Wir wählten das vermeintlich kleinste Übel – und entschieden uns falsch.

Trotz angekündigten Verzugs stand ICE 786 pünktlich am Bahnsteig; fast hätten wir ihn noch verpasst. Über Celle, Uelzen und Lüneburg lief’s noch ganz gut. Bis Harburg hat der Zug nur das übliche Maß an Verspätung eingefahren; rund 20 Minuten. Die Ausfahrt aus dem Bahnhof Harburg gelang auch noch. Aber dann ging nichts mehr.

Ein ungewöhnliches Geräusch, vielleicht ein Schlag, ein Ruck. Ich dachte gleich an einen Schaden am Fahrwerk, aber es war die Oberleitung, heißt es. Kurz danach stand der Zug. Aber anders als sonst. Es war vollkommen still. Maschine aus, Klimanlage aus, bald nur noch Notbeleuchtung, Toilletten versagten. Und dann?

Zunächst blieb alles wie bei jedem Bahnproblem. Ich las mein Buch weiter, plauderte mit meinem Kollegen, übte mich in erprobter Bahnreisengelassenheit. Nach und nach bildeten sich die ersten Grüppchen von Reisenden, die mit Smalltalk begannen. “Typisch Bahn, wie immer.” “Wo müssen Sie denn noch hin?”

Ich machte mich auf, etwas zu Trinken zu holen und bekam Wasser aus der Notfallration. Aha, wir haben also offiziell einen Notfall. Nebenbei schnappte ich ein Gespräch der Bahnmitarbeiter auf. “Evakuierung läuft?” “Denke schon.”

Doch dazu kam es nicht. Die Durchsagen wechselten von “Ersatzzug”, über “Ersatzbusse” bis zu “Ersatzlok und Rückkehr nach Harburg”. Doch auch dazu kam es nicht.

Mittlerweile stieg in unserem Wagen die Stimmung. Mein Laptop sorgte für Musik und Kontakte. Steffen, der im Zug nach 25 Jahren seinen Architekturprof getroffen hat, sorgte für gute Laune, und er zog jeden, der nicht schlafend an der Scheibe klebte, in unser Gespräch. Die “for free” spendierten Bahn-Snacks hielten nicht lang, aber die aus dem Urlaub zurückkehrende NDR-Mitarbeiterin hatte noch fair gehandeltes, bioerzeugtes und genunmanipuliertes Brot dabei. Super. Rotwein hatte die Bahn nicht im Angebot, aber wenn man oft genug danach fragt, wirds auch ohne Wein lustig.

Zug steht, Stimmung steigt

Zug steht, Stimmung steigt

So gingen zwei Stunden ins Land. Durchsagen kamen, Durchsagen gingen. Der Zug stand, die Luft im Zug auch. Schließlich probten wir den ersten Ausfall. “Mal sehen, ob hinten im Zug etwas anderes passiert.” Von Polizei und Randale war die Rede. Polizei trafen wir nicht. Dafür aber Hannes, der um Mitternacht Geburtstag haben würde. “Aber dann sind wir längst hier raus.” Es war ja noch mehr als eine Stunde bis Hannes 28 werden sollte. Also erstmal zurück zur Homebase, noch mehr Laptopmusik. Auf dem Rückweg lud Steffen noch einige Mitfahrer zur unserer Party in Wagen 4 ein. Unglaublich wie leicht man mit Menschen in Ausnahmesituationen ins Gespräch kommt. Mit Niemandem hätte ich an diesem Abend gesprochen, wenn der Zug den Fahrplan eingehalten hätte. Nicht mit Steffen, nicht mit seinem Architekturprof, nicht mit den beiden Frauen, von denen eine beim NDR arbeitet.

So verging die Zeit und es wurde klar, Hannes wird mit uns in seinen Geburstag feiern. Also sind wir wieder rüber, diesmal mit Musik. Zu Iggy Pops “Passenger” in der Version der Jolly Boys ging unsere Polonaise in Richtung Wagen 6 oder 7. Hannes hatte die Party gut vorbereitet. Pappbecher mit Bahnlogo und zwei Flaschen Weißwein von einer Mitreisenden. Weißwein mit Schraubverschluss, was heute ja angeblich auch nichts mehr über die Qualität sagt. In jenem Moment der beste Weißwein der Welt. Und Hannes bekam das spontanste alle Geburtstagsständchen. Hannes, schick mir mal ne Mail! Ich habe noch Fotos von Deiner Party.

Mitternacht im Zug. Happy Birthday mit Weißwein aus Pappbechern.

Mitternacht im Zug. Happy Birthday mit Weißwein aus Pappbechern.

Zwischen 12 und 1 nahm die Stimmung langsam ab. Die von Fahrgästen gerufene Feuerwehr brachte keine Hilfe. Eine Reihe von Fahrzeugen neben dem Zug und eine Begehung durch einen Feuerwehrmann, mehr gabs nicht. Der Laptopakku drohte langsam schlapp zu machen, die Konstitution einiger Personen auch; mich eingeschlossen.

Plötzlich: der Strom war wieder da. Wir schöpften Hoffnung. Zu Recht. Gegen 0.45 Uhr schaffte es der ICE 786 endlich bis zum Hauptbahnhof.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Menschen ihr Festsetzen länger als erwartet mit relativer Gelassenheit hinnehmen. Außerdem eine Reihe von Fotos auf meinem Handy, zu deren Austausch ich zahlreiche Visitenkarten verteilte. Mal sehen wer sich meldet und ob es wirklich zu den vielfach angekündigten “Nachtreffen” kommt.

Vier Stunden ICE-Isolation. Begrenzte Ressourcen, wie Wasser, Brot, Toilleten mit endlichem Fassungsvermögen. Die Teilnehmer von Mars-500 können kaum stolzer auf ihr Durchhalten sein, als ich in dieser Nacht.

So sehen Retter aus. Wartende Taxifahrer für die Fahrgäste aus ICE 786.

So sehen Retter aus. Wartende Taxifahrer für die Fahrgäste aus ICE 786.

Übrigens, Taxen haben alle(?) Mitfahrer an ihre Ziele gebracht. Hoffentlich ohne Stau 😉 Ich war um 1.15 Uhr zu Hause; viereinhalb Stunden später als erwartet.

PS:

Update:

  • Im Februar hat sich die Situation deutlich verbessert. Mein Kollege und ich saßen nur bei einer weiteren Fahrt mit ICE 786 nur 100 Minuten länger im Zug als geplant. Auf der Strecke vor uns brannte ein anderer Zug. Deshalb mussten wir mit dem ICE zurück nach Hannover, um dann über Rotenburg nach Hamburg zu fahren.
  • Wir bangen jetzt immer wenn wir den Bahnhof Harburg verlassen. Zwei Tage nach dem brennenden Zug standen wir wieder zwischen Harburg und HBf. Diesmal in Sichtweite der Deichtorhallen. Grund war ein im HBf liegengebliebener Metronom. Die Verspätung betrug nur ca. 15 Minuten.

Update: Entschädigung der Bahn

Mein Kollege und ich haben jeweils 5 Euro erhalten. Darüber hinaus habe ich eine Schachtel Pralinen erhalten. Die waren zumindest sehr gut.


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